Sozialpsychiatrie

„Ich höre Musik, wenn ich Sie sehe.“ - Bamberger Integrationsprojekt unterstützt Menschen mit Psychiatrieerfahrung

Im Bamberger Integrationsprojekt finden Menschen mit Psychiatrieerfahrung eine sinnvolle Aufgabe

In Windeseile spricht es sich im Haus herum: „Er spielt wieder Klavier“. Der Wohnbereich des Bamberger Diakonie-Seniorenzentrums füllt sich mit bekannten und auch unbekannten Klängen und Melodien. Bewohner wie Mitarbeitende halten inne, lauschen, erinnern sich an altbekannte Lieder, kommen ins Gespräch … Der Klavierspieler an diesem Tag ist kein Profi, aber auch kein ehrenamtlich Engagierter: Es ist ein Mensch mit einem psychischen Handicap, der über das Zuverdienst-Projekt, das die Diakonie Bamberg-Forchheim im Bamberger Raum aufbaut, wieder den Weg in einen geregelten Alltag finden möchte.

 

Stärken finden und fördern

Immer mehr Menschen mit Psychiatrieerfahrung finden in den Einrichtungen des Diakonischen Werks Bamberg-Forchheim e.V.  einen sogenannten Zuverdienst-Arbeitsplatz. Hier können sie ihre Fähigkeiten einbringen, ohne dem Druck des ersten Arbeitsmarktes ausgesetzt zu sein. Eine feste Anleiterin begleitet die Tätigkeit und hilft beim Einleben in der Einrichtung und beim Kennenlernen der Tätigkeiten. Silke Strunk begleitet Klienten wie Anleiter auf diesem Weg. „Interessiert sich ein Mensch mit psychischem Handicap für einen Zuverdienst-Arbeitsplatz, so nehmen wir uns erst einmal  Zeit für Vorgespräche“, erklärt die studierte Sozialpädagogin das Prozedere: „Gemeinsam mit dem Klienten finden wir heraus, welche Stärken er gerne einbringen würde und welche Arbeitsbedingungen ihm helfen würden, gesundheitlich stabiler zu werden.“ Die Stärke des  Bamberger Integrationsprojekts der Diakonie sei  es, jeweils einen stimmigen Platz zu finden für den einzelnen Mitarbeiter im Zuverdienst:  „Wir schauen genau auf die Begabungen, die ein Mensch mitbringt, auch wenn sie ihm selbst vielleicht im Moment gar nicht so bewusst sind, da die psychische Erkrankung so stark seinen Alltag beherrscht“, so die Fachfrau.

 

Einsatzgebiete in der Diakonie

Für das Projekt schafft die Diakonie Bamberg-Forchheim zusätzliche Tätigkeiten, zu denen die fest angestellten Mitarbeitenden kaum Zeit finden. Arbeitsmöglichkeiten gibt es drinnen und draußen: In den Gartenanlagen des Diakonischen Werks werden die Hecken geschnitten, Laub gekehrt und Blumen gegossen. In den Kindertagesstätten und -horten werden die Hauptamtlichen unterstützt, indem die Zuverdienstler Hintergrundtätigkeiten übernehmen wie Wäschepflege, hauswirtschaftliche Hilfen, kleine handwerklichen Tätigkeiten oder auch die Vorbereitung von Bastelarbeiten. „In der Altenhilfe haben unsere Klienten die Möglichkeit, im Beschäftigungs- oder im hauswirtschaftlichen Bereich mitzuarbeiten“, erzählt Silke Strunk. Die Hausmeisterei sei ein weiteres Einsatzgebiet und auch im Bereich der Verwaltung seien die Kollegen dankbar, wenn Archivierungsarbeiten von Zuverdienstlern übernommen werden.

 

Erfolgreicher Zuverdienst

„Die Arbeit in diesem Umfeld unterstützt die Gesundung, stabilisiert und es lassen sich neue Kräfte für das weitere Berufsleben finden“, weiß Silke Strunk aus den bisherigen Erfahrungen. Das Konzept des Zuverdienstes bietet die Diakonie Bamberg-Forchheim bereits seit Jahrzehnten erfolgreich in der Region Hassberge an. Das Integrationsprojekt profitiert außerdem von der Größe des Trägers, der viele Einsatzorte ermöglicht. „Nachgewiesen steigt die Zahl der psychisch erkrankten Menschen. Unser Angebot ist deshalb ein wichtiger Baustein, um Betroffenen einen Weg zu zeigen, wieder in ein stabiles und gesundes Leben zu finden.“

 

Kompliment für die Seele

Der Klavierspieler hat den ersten Schritt in Richtung „stabileres Leben“ getan. „Es tut gut, Anerkennung zu erleben und gleichzeitig keinem Leistungsdruck unterworfen zu sein. Das kennen wir alle“, so Silke Strunk. Und noch einen sehr positiven Aspekt hat dieser Zuverdienst in der Beschäftigung: Die Bewohner des Seniorenzentrums freuen sich sichtlich über die Lieder, die den Pflegeheim-Alltag bereichern und eine beschwingte Atmosphäre schaffen. Die Musik lockt sogar zurückgezogene Menschen aus ihren Zimmern. Bei seinem zweiten Einsatz wird der Zuverdienstler von einer Seniorin dann mit den Worten begrüßt: „Ich höre Musik, wenn ich Sie sehe.“ Ein solches Kompliment ist mit Sicherheit eine Wohltat für die Seele.

 

Foto Klavierspieler: gabriel gurrola_unsplash

Unterwegs für die Klienten im Bamberger Integrationsprojekt: Silke Strunk von der Diakonie Bamberg-Forchheim.