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"Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du"

„Ich bin ein liebenswerter Mensch“ war unser Jahresthema für das Jahr 2009/2010. Wir haben auf unsere Initiative hin viele Rückmeldungen von Beschäftigten, Angehörigen, anderen Diakonischen Werken und kirchlichen Vertretern erhalten. Es war spannend, den Prozess der Entwicklung dieses Jahresthemas intensiv verfolgen zu können. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der transparenten Kommunikation und Umsetzung stellen wir heute fest, dass sich viele Mitarbeitende mit dem Jahresthema beschäftigt haben und sich mit unserem Anliegen identifizieren.


In diesem Jahr wollen wir uns mit dem zweiten Teil des Bibelzitates „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ beschäftigen. Unser Jahresmotto lautet:

 

„Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ (Martin Buber)

 

Die Hinwendung vom „Ich“ zum „Du“ und die Unterstützung unseres Nächsten sollen uns in den kommenden Monaten immer wieder begegnen und im Alltag begleiten. Neben öffentlichkeitswirksamen Aktionen möchten wir auch inhaltliche Akzente setzen.


Gedanken zum Jahresthema 2010/2011

Die uns geläufige Übersetzung des Liebesgebotes stammt von Martin Luther: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du“ – so hat es der Jude Martin Buber übersetzt. Das ist rhythmisch stärker. Die Pause mitten im Satz bringt einen zum Nachdenken. Und mir wird dabei klar: Selbstliebe und Fremdliebe werden hier nicht miteinander verglichen, sondern ich entdecke ihre gemeinsame Wurzel: die Gleichheit. Sei geschwisterlich, weil der andere dir gleich ist! Unter Ungleichen gibt es keine Liebe, nur Herablassung. Auch für das Verhältnis von Gott und Mensch gilt da nichts anderes: Gott schuf uns nach seinem Bilde, damit er etwas zu lieben hätte. So setzt auch unsere Liebe die Ebenbildlichkeit des anderen voraus. Nur so – auf Augenhöhe – leben und lieben wir in Beziehung zueinander, knüpfen wir mit am Netz unserer Beziehungen. Die Liebe ist ein doppelseitiges Nehmen und Geben. Auch wenn das meistens nicht gleichzeitig geht. Unsere alltägliche Erfahrung hat mit Geben und Nehmen zu tun. Immer dann, wenn wir das Geben lernen, ohne zu rechnen, und dann, wenn wir das Nehmen lernen ohne Scham, dann lernen wir wieder etwas mehr von der Liebe. Gib deinem Nächsten, er gibt wie du. Nimm von deinem Nächsten, er braucht wie du. Die Gleichheit besteht darin, dass alle zu geben und alle zu nehmen haben. Der Satz „Geben ist seliger als Nehmen“ stimmt – bei näherem Hinsehen – nicht. Vielleicht sollte man sagen: Geben und Nehmen sind seliger als Haben und Halten. Ich kann mit meinen Händen nur dann nehmen oder geben, wenn sie nicht mit Halten beschäftigt sind. Um das zu lernen – dieses Gleichgewicht oder die Gegenseitigkeit der Liebe - brauche ich eine bestimmte Aufmerksamkeit und Konzentration. Oft sehe ich nur, was ich gebe. Und ich neige dazu, zu übersehen, was ich nehme. Ich bin unaufmerksam für das, was der andere mir gibt. Aber der andere, den ich liebe, ist mehr als das Objekt meiner Liebe. Er ist wie ich. Und er gibt mir – oft ganz unerwartet – sehr viel. Das habe ich schon manchmal erlebt – etwa beim Besuch eines schwer kranken Menschen. Ich, der Besucher, war danach der Beschenkte.

 

Ihr Otfried Sperl

Verwaltungsratsvorsitzender und Dekan 

 

*Diese Gedanken habe ich dem Buch „Sympathie – theologisch-politische Traktate“ (Kreuz-Verlag, Stuttgart, 1978, S. 46ff) von Dorothee Sölle entnommen.